Identität

Der Begriff „Identität“ hat viel zu tun mit den bisher behandelten Themen.
Und speziell mit der Frage „Wer bin ich“?

Es ist doch im ersten Moment verwunderlich, dass wir uns diese Frage „Wer bin ich“? eigentlich höchst selten, wenn überhaupt, stellen.
Ich könnte fast schmunzelnd unterstellen, dass ich auf die Frage nach dem Grund hierfür vermutlich oft zur Antwort bekäme: „Ich habe für so eine Frage überhaupt keine Zeit“ oder „Hast du nichts Besseres / Wichtigeres zu tun?“

Heinz Abels schreibt so treffend:
„Selbst wenn wir nicht explizit fragen, wer wir sind, müssen wir damit rechnen, dass wir ungefragt Antworten erhalten. Die Antworten können erschrecken, auf jeden Fall lebt es sich ab dann nicht mehr ruhig und in Frieden, sondern man muss an die Arbeit – auch an uns selbst“.

Da kommt in der sozialen Kommunikation schon mal die Frage hoch: „Watt? Wer bis du denn?“
Und dann gebe mal eine Antwort.

Ich könnte jetzt natürlich im Sinne des Einwohnermeldeamtes kurz alle relevanten Daten aufzählen, die mich als Bürger Deutschlands exakt identifizieren. Aber auch hier gilt wieder: Diese Daten identifizieren mich zwar (aus einer bestimmten Perspektive heraus), aber ich bin nicht diese Daten.

Oder ich stelle fest, dass ich eine wie auch immer geartete, kulturelle Identität besitze.
Aber auch die ist keine Antwort auf die Frage „Wer bin ich“.

Identität wird dann bedeutsam, wenn es darum geht, im jeweils betrachteten sozialen Umfeld gegenseitige Erwartungen abzugleichen:

Bin ich zum Beispiel in der Rolle „Abteilungsleiter“ des Unternehmens XY in der Lage, die Erwartungen, die man an diese meine Rolle stellt, mit meinen eigenen Erwartungen „zu aller Zufriedenheit“ abzugleichen, also auch zu meiner eigenen?
Wenn ja: kein Thema. Frage „Wer bin ich?“ stellt sich nicht.

Hätte ich aber massive Probleme mit der Akzeptanz der Erwartungen aller anderen, die an mich gestellt werden, käme schnell eine nicht nur vordergründige Frage an mich selbst: „Ja, wer bin ich denn, dass…“

Umgekehrt: Hätten alle anderen Probleme mit der Akzeptanz MEINER Erwartungen, die ich selbst an meine Rolle stelle,  wäre ich möglicherweise gezwungen, mich zu fragen: „Wer bin ich denn, wenn ich hier nicht meine eigenen Vorstellungen von Führung (in vernünftigem Rahmen) realisieren könnte?“

Tauschen Sie die hier beispielhaft gewählte Rolle „Abteilungsleiter“ gegen jede andere aus und die Problematik bleibt die gleiche.

Krappmann schreibt: „Vielmehr muss der Aufbau einer individuellen Identität als eine den Strukturen sozialer Interaktionsprozesse entsprechende Leistung des Individuums gesehen werden, ohne die eine Beteiligung an Kommunikations- und Handlungsprozessen gefährdet ist.

Und weiter

„Diese Leistung kann misslingen, weil antagonistische Verhältnisse dem Individuum nicht gestatten, sich als identisch zu behaupten, sei es, weil ungünstige Sozialisationsbedingungen ihm nicht die Fähigkeit vermittelt haben, Identität auch bei diskrepanten Erwartungen zu wahren.“

Mit anderen Worten:
Mich als „mich selbst“, als eigenständiges Individuum, in der Kommunikation zu behaupten, kann auch gründlich schief gehen.

Mit ein Grund, warum Unternehmen z.B. viel Geld in Weiterbildungen wie Konfliktmanagement etc.
investieren – natürlich nicht für alle.
So gesehen ist Identität immer Differenzbildung:
Wie bringe ich die Erwartungen anderer an meine jeweilige Rolle mit meinen eigenen Erwartungen möglichst in Einklang (win-win)? Sofern dies im Rahmen von Kommunikations- oder Handlungsprozessen gelingt, sind beiden Partnern ein Stück Identitätsarbeit gelungen.

Unsere Identität ist uns also NICHT als etwas einmal Auffindbares mit in die Wiege gelegt worden;
nichts Konstantes, nichts Stabiles, nichts Immerwährendes.
Unsere Identität ist ganz im Gegenteil ein temporäres Konstrukt, Ergebnis einer unserer immerwährenden Identitätsarbeiten, die wir zu leisten haben.

Identität entsteht als Ergebnis von Identitätsarbeit an der Schnittstelle von „Ich“ und „die Anderen“.
Und je nachdem, welche persönlichen Kompetenzen ich in die Identitätsarbeit mitnehmen kann, wird das konkrete Ergebnis sehr unterschiedlich ausfallen:
Wie man so schön sagt: „Die ist total angepasst“ (und somit höchst anerkanntes „everybodies Darling“), „Der geht über Leichen“ oder eben: „Die agiert auf Augenhöhe“.

Keupp et.al. schreiben:
„Das wohl schicksalhafteste Paradoxon besteht in unserem Bedürfnis nach Anerkennung und gleichzeitig nach Unabhängigkeit: Wie erreiche ich mit dem, was ich tue und wie ich mich darstelle, Anerkennung von signifikanten Anderen?“

Keupp et.al. nennen verschiedene Identitätsziele, wie z.B. Anerkennung, soziale Integration, Entschiedenheit, Autonomie, Selbstachtung, Selbstwirksamkeit, Originalität u.a.

Diese werden individuell unterschiedlich gewählt und können zudem auch noch im Konflikt zueinander stehen.

„Wie gelingt es also dem Subjekt, Prozess und Konstruktionen der Identitätsarbeit in ein Passungsverhältnis zu bringen, das aus Sicht des Subjekts „stimmig“ ist und das Gefühl erzeugt, dass man selbst etwas Gelungenes geschaffen hat? Dieses Gefühl wollen wir mit dem Begriff „Authentizität“ fassen“ [Keupp et.al].
Auch der nächste Artikel wird sich mit dem Thema „Identität“ befassen.

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Genoio, hoios essi….. Werde, der Du bist.

Erkenne dich selbst!

Mein geplantes Buch heisst: Gnothi Seauthon 2.0
Ja. Genau damit geht’s auch weiter.

Dieser zweite, schon sehr alte Appell, klingt ja irgendwie merkwürdig:

Wie kann ich das werden, was ich bin?
Heißt das im Umkehrschluss: Ich bin nicht, der ich bin?
Erinnert mich an so manch kryptische Formulierung aus Sartres „Das Sein und das Nichts“: „Ich bin, der ich nicht bin und ich bin nicht, der ich bin.“

Was für ein heilloses Durcheinander.

OK. Fangen wir mal an.
Wie beantworte ich mir selbst die Frage: „Wer bin ich (eigentlich)“?
Hmmm. Zu schwer?

Wie antworten wir denn auf die Frage anderer: „Wer bist du?“ oder „Wer sind Sie?“
Hier fällt die Antwort vielleicht leichter, weil wir alle diese Frage vermutlich schon hunderte Mal und immer ein bisschen anders beantwortet haben. Je nachdem, WER uns diese Frage in welchem KONTEXT gestellt hat. Der Kontext bestimmt ja die Art der Information, die von uns gewünscht wird. Und die ist nun mal in einer Polizeikontrolle eine andere als die in der Vorstellungsrunde eines Trainings oder der Vorstellung als neuer Nachbar in der Nachbarschaft. Behörden wollen wieder andere Informationen und Facebook möchte schließlich noch andere.
Je nachdem, wer fragt, geben wir unterschiedliche Informationen über uns preis:
Name, Name und Adresse, Name, Adresse und KFZ-Nr., Name und Fähigkeiten oder Talente, unsere Rentenversicherungsnummer, unsere Staatszugehörigkeit, unsere Religion etc. etc.
Nach welchen Kriterien welches Datenbanksystem welcher Organisation auch immer aufgebaut ist, immer sind wir zum Nutzen derjenigen, die Daten über uns speichern, unterscheidbar oder, wenn Sie so wollen, einzigartig identisch.

Sagen wir: Wir haben jeder unsere öffentliche Identität, die letztlich aus all den Daten besteht, die ich oben beispielhaft genannt habe – und natürlich noch vielen, vielen mehr.

Nun gilt:
Mein Name ist Karl-Heinz Thunemann.
Aber ich bin nicht mein Name.
Meine Staatsangehörigkeit ist Deutscher.
Aber ich bin nicht meine Staatsangehörigkeit.
Mein Beruf ist Trainer.
Aber ich nicht mein Beruf.
Mein Hobby ist Segeln.
Aber ich bin nicht mein Hobby.

Ich habe einen Namen, ich habe eine Staatsangehörigkeit, ich habe einen Beruf, ich habe ein Hobby.
Ich BESITZE diese Eigenschaften. Aber ich BIN NICHT diese Eigenschaften.

Und die konkreten Ausprägungen dieser Eigenschaften für mich habe ich mir nicht einmal alle selbst aussuchen können.
Karl-Heinz Thunemann ist meine Ausprägung der Eigenschaft Name.
Und die habe ich von meinen Eltern erhalten.
Und meine spezifische Ausprägung der Rentenversicherungsnummer habe ich von der Rentenkasse erhalten, die konnte ich mir auch nicht aussuchen.

Das heißt aber doch, wenn wir mal auf unseren Lebensbeginn zurückschauen:
Je komplexer im Lauf unserer Entwicklung sich unser soziales Umfeld gestaltet, desto mehr Eigenschaften nehmen wir an mit ihren entsprechenden, für uns gültigen,  „Werten“.

Das heisst auch im Umkehrschluss:
Je weniger komplex unser soziales Umfeld ist, desto weniger Eigenschaften haben wir.

In jedem Bereich unseres sozialen Umfeldes übernehmen wir – gewollt oder ungewollt – bestimmte Rollen.
Die erste, die wir übernehmen, ist „Tochter“ oder „Sohn“ und vielleicht „Geschwisterkind“.
Wenig später sind wir „Deutscher Staatsbürger“, wahrscheinlich auch „Täufling“ einer der Kirchen, wenig später „Kindergartenkind“ und „Freund“ oder „Freundin“, später „Schülerin“ usw. usf.

Und jeder unserer Rollen sind einige der oben erwähnten Eigenschaften zugeordnet und diesen wiederrum unsere konkreten Ausprägungen (oder Daten).
Unsere öffentliche Identität hängt also eng mit den Rollen zusammen, die wir im Lauf unseres Lebens annehmen (und behalten). Oder:
Unsere öffentliche Identität ist die Gesamtheit aller Rollen, die wir zum Betrachtungszeitpunkt X innehaben.

Wir bekommen oder übernehmen unterschiedliche Rollen von klein auf.
Und an jede dieser Rollen stellen andere Menschen Erwartungen.

So stellt der Vater möglicherweise andere Erwartungen an sein Kind, als die Mutter dies tut.
Das kleine Kind sieht sich also bereits in der Familie unterschiedlichen Erwartungen ausgesetzt. Es bemüht sich, diese Erwartungen alle zu erfüllen, denn dann wird es belohnt.
Bereits hier fängt das Kleinkind an, „das Leben Anderer“, nämlich das von seinen Eltern gewünschte (oder sogar erzwungene), zu leben“. Sind die Erwartungen dann auch noch unterschiedlich, ist die Situation für das Kind ungleich schwieriger.

Und so, wie im Lauf unserer Sozialisation, also ca.  bis zu unserem 18. Lebensjahr, immer mehr Rollen und damit immer mehr Erwartungen Anderer auf uns zu kommen, lernen wir, in unserem jeweiligen sozialen Umfeld zu „funktionieren“.
Tun wir dies nicht, drohen in der Regel Sanktionen.

So entstehen z.B. unsere Glaubenssätze.
Über lange Jahre und oft gekoppelt an für uns unangenehme emotionale Situationen.
(Wenn ich „Nein“ sage, kriege ich ja wieder „Stubenarrest“ – so hieß das bei uns früher;-)
Und so haben wir Techniken, resp. Verhaltensweisen entwickelt, wie wir diese für uns stressigen Situationen umgehen konnten: Wir haben nicht gehandelt, wie wir eigentlich wollten, sondern so, wie es Andere von uns wollten, um Stress, um Konflikte etc. zu vermeiden.
Auf diese Art und Weise haben wir uns selber eine Art unsichtbaren Käfig um uns herum aufgebaut, in dem wir uns einerseits sicher und komfortabel eingerichtet haben, der uns andererseits aber auch in unserer Freiheit z.T. massiv einschränkt.
Dieser Käfig wird auch manchmal „Komfortzone“ oder „Container“ genannt.

Und nun prüfen Sie sich mal selbst:
– Was macht Ihre Komfortzone aus?
– Und was fühlen Sie, wenn Sie sich an den Rand Ihrer Komfortzone begeben?

Der Begriff „Rolle“ hat natürlich viel mit der Schauspielerei zu tun:
Sie übernehmen die Rolle „Kind“, sie spielen (wieder) die Rolle „Kind“.
Sie übernehmen die Rolle „Trainer“, sie spielen wieder den „Trainer“.

Sie übernehmen die Rolle „Führungskraft“, sie spielen (zuhause mal wieder) die „Führungskraft“.

Ich behaupte, jede Ihrer Rollen hat ihre eigene Komfortzone, gebildet aus den Erfahrungen, die Sie in der jeweiligen Rolle machen.
Ich sage – für meinen Sprachgebrauch (!) – Die Summe aller Konzepte, von Wissen, Erfahrungen und Gefühlen, die Sie in einer Rolle haben oder machen, macht Ihr jeweiliges, Rollenspezifisches Ego aus.
D.h. ich gehe davon aus, dass wir alle, gemäß unseren unterschiedlichen Rollen, auch mehrere und unterschiedliche Egos haben.
Und je nachdem, wie stark wir unsere Rollen wahrnehmen, spielen, desto mehr oder weniger stark sind auch unsere diversen Egos ausgeprägt.

Die Summe meiner Egos macht MICH aus.
Ich bin die Summe meiner Egos.
Das bin ICH als Persönlichkeit.

Und je nachdem, wo ich gerade bin, schimmert die eine oder andere Facette (das eine oder andere Ego) unserer Persönlichkeit gerade durch.

Jetzt sind wir nahe dran.

Erinnern Sie sich an oben?
Analog können wir sagen:
Ich habe die Rolle „Kind“.
Aber ich bin nicht diese Rolle.
Ich bin nicht mein Kind-Ego.

Ich habe die Rolle „Abteilungsleiter“.
Aber ich bin nicht diese Rolle.
Ich bin nicht mein Abteilungsleiter-Ego.

Ich habe die Rolle „Karate-Trainee“.
Aber ich bin nicht diese Rolle.
Ich bin nicht mein Karate-Trainee-Ego.

Was wäre denn, wenn wir „von jetzt auf gleich“ alle (!) unsere Rollen ablegen könnten?
Ja. Was dann?

Dann bin ich „nur noch“ der, der sich all dessen bewusst ist.
Das bin dann ich. Reines Bewusstsein.
Das ist mein SELBST.

Werde, der du bist.
Werde du selbst.
Werde wieder du selbst.

So gesehen, macht dieser Appell Sinn, oder?