Unsere Komfortzone Teil I (Stand: Ende Mai 2014)

Folgender Text ist das Ergebnis einer jetzt fast 2-jährigen Beschäftigung (Literaturrecherche) mit diesem Thema.

Ein entscheidendes Ergebnis ist für mich die Gleichheit von Psyche, Komfortzone und unserem individuellen, mentalen Modell der Realität: Stellt es doch den eher populären und missverständlichen Begriff „Komfortzone“ einerseits in eine lange Tradition der Auseinandersetzung mit dem Begriff „Psyche“ und bettet ihn andererseits ein in aktuelle  natur- und geisteswissenschaftliche Forschungsarbeit zu unseren mentalen Modellen.

Eine vorläufige Sicht des Themas aus neurowissenschaftlicher Perspektive zeigt meines Erachtens, dass das, was wir von klein auf als unsere Komfortzone entwickeln, in unserem Gedächtnis abgelegt ist, wahrscheinlich zu einem Großteil in unserem impliziten Gedächtnis, dem Teil, der unserem Bewusstsein nicht unmittelbar zugänglich ist.

Damit ist für mich jetzt unsere Komfortzone auch biologisch, physikalisch lokalisiert.

Es ist des Weiteren für mich nach wie vor unbestritten, dass der Aufbau unserer Komfortzone, unserer Psyche, beginnend ab unserem Säuglingsalter, ursächlich zusammenhängt  mit dem Erleben und unserem Umgang mit Angst und Stress, resp. mit dem Erleben und unserer Reaktion auf unsere Umwelt.

Wir entwickeln deshalb schon sehr früh Strategien, um Ängste und Stress zu vermeiden.
Dieser Prozess ist ausschliesslich emotional, auf unserer Gefühlsebene, gesteuert, da wir im Säuglingsalter ja noch nicht in der Lage sind, uns mit unserem Erleben intellektuell, auf der mentalen Ebene auseinander zu setzen.

Unser erstes und frühestes Lernen im Umgang mit unserer sozialen Umgebung ist also, „zu funktionieren“ und eigene Ansprüche, Forderungen, Wünsche zurückzustellen. Wir lernen quasi „ganz automatisch“, Konflikte zu vermeiden und internalisieren unsere Angst-, Konflikt- und Stressvermeidungsstrategien zu entsprechenden Verhaltensritualen.

Diese Verhaltensrituale sind so tief in uns „verankert“, dass auch mit zunehmenden intellektuellen Fähigkeiten es normalerweise (!) nicht zu einem Bewusstwerden und einer Auseinandersetzung mit diesen Ritualen (unseren inneren Gesetzesbüchern, Glaubenssätzen und unseren inneren Wächtern) kommt, sondern wir uns nach wie vor Glaubenssatz-konform verhalten.

Da nun unser soziales Umfeld im Lauf unseres Lebens zunehmend komplexer wird, wir aus unseren zahlreichen Rollen heraus mit immer mehr Menschen interagieren und kommunizieren, steigt die Anzahl unserer Konfliktsituationen, in denen wir feststellen müssen, dass sich „die Anderen“ nicht nur nicht nach unserem eigenen Modell der Realität verhalten, sondern ihr Verhalten auch nicht so verändern wollen, wie wir das gerne hätten, damit „unser Weltbild“ wieder hergestellt wird.

Dies führt u.U. zu sehr erheblichem Stress und Energieaufwand und kann mit Krankheitsbildern einhergehen, die aus der Stressforschung bekannt sind.

Da wir uns vor dem Hintergrund des hier Geschilderten in aller Regel „im Recht“ fühlen und uns nicht über die „ganz natürlichen Ursachen“ von Konfliktsituationen bewusst sind, können in der Interaktion/Kommunikation Pattsituationen entstehen, wo „es nicht mehr weiter geht“, unnütze Frustration, unnötiger Ärger, Stillstand.

Eine andere, vielfach gemachte Erfahrung vieler Menschen ist Übrigens auf diese Weise leicht zu erklären: Oftmals erleben wir uns in einer Phase, in der wir sagen „Wir werden das mal ganz anders machen als unsere Eltern“. Und genauso oft müssen wir später konstatieren, dass wir es eben nicht anders gemacht haben, sondern doch sehr ähnlich, wenn nicht genauso wie unsere Eltern.

Doch nicht verwunderlich, wenn es gerade unsere Eltern waren, die uns in unseren jüngsten Jahren mit ihrem eigenen Lebensmodell sehr stark in der oben beschriebenen Weise geprägt haben.

Es ist – aus meiner jetzigen Sicht heraus – keine zwingende Notwendigkeit, bei der Betrachtung unserer Komfortzone weiter mit dem Rollenbegriff zu arbeiten: Er verkompliziert die Betrachtung einerseits (und vielleicht unnötigerweise) durch die Einbeziehung der Diskussion unseres Selbst, andererseits vereinfacht er meines Erachtens die analytische Arbeit zu unseren Glaubenssätzen durch eine systematischere Betrachtung, gerade auf der Ebene unserer unterschiedlichen Rollen.

Ich werde demgemäß weiter mit dem Rollenbegriff arbeiten und halte für mich nach wie vor fest:
Wir entwickeln unsere Psyche, unsere Komfortzone, unser mentales Modell der Realität kontinuierlich und Rollenbezogen durch immer komplexere und vielfältigere Interaktionen und Kommunikationen.

Agiere und reagiere ich zunächst in meiner Kindrolle auf mein familiäres Umfeld, so entwickelt sich zunächst meine Kind-bezogene Komfortzone, oder, wenn man so möchte, meine Kind-Psyche. Diese wird dann im Lauf meiner weiteren Entwicklung durch Kindergarten und Schule und/oder Ausbildungsplatz um weitere Rollenbezogene Aspekte erweitert und geformt. Und je länger ich eine bestimmte Rolle innehabe, desto stärker prägt mein Agieren in dieser Rolle auch meine Psyche oder meine Komfortzone: Aussage des alteingesessenen Mitarbeiters: „Das haben wir hier schon immer so gemacht (eine Veränderung kommt nicht infrage)“.

Mein diesbezüglicher Sprachgebrauch ist:

In Rollen, in denen wir „lange“ Zeit verbringen, entwickeln wir Rollenbezogene, unterschiedliche Persönlichkeiten oder Ego’s, was für mich dasselbe ist. Dieses Bild entspricht höchstwahrscheinlich auch dem Konzept des „Inneren Teams“ von Schulz von Thun.

Wir kennen ja alle Bemerkungen der Art:

„Das ist eine schillernde Persönlichkeit“ oder „Na, jetzt läßt er aber den Abteilungsleiter raushängen“ oder auch „Bleib doch mal authentisch“ und andere.

Des Weiteren spricht meines Erachtens viel dafür, dass wir mit einer Art „Kern-Selbst“ geboren werden und uns dann im Rahmen unserer Sozialisation, Rollen- und Egoausbildung immer mehr von unserem Selbst entfernen.

Wir haben die Möglichkeit, unsere Psyche, unsere Komfortzone oder unser mentales Modell, das wir uns von der Wirklichkeit schaffen, unseren „Container“ als Gefängnis zu betrachten, das wir uns selbst geschaffen haben, wenn auch unfreiwillig.

Wir haben weiterhin die Möglichkeit, zahlreichen glaubwürdigen Quellen zu vertrauen und zu glauben – insbesondere aus dem spirituellen Umfeld – dass wir uns nicht nur aus unserem „Gefängnis“ befreien können, sondern das dies auch unser „Auftrag“ ist, sei er nun religiös oder evolutionär bedingt.

Hier schließt sich sozusagen der Kreis:
„Erkenne dich Selbst“ und „Werde, der du bist“.

Zwei „Aufforderungen“, die zu dem hier entworfenen Bild passen, unsere Psyche zu „überwinden“ und (wieder) wir Selbst zu werden; unsere Egos abzulegen, den Panzer zu durchbrechen, wir SELBST zu sein.

Offenbar ist die Existenz einer solchen Möglichkeit seit Jahrtausenden bekannt und immer schon Gegenstand von Religion und Magie gewesen. Und durch den Gebrauch jeweils vorhandener Sprache durch die jeweiligen Wissensvermittler ist das Wissen hierum immer Geheimwissen geblieben.

Und nur wenigen Menschen ist es offenbar bisher gelungen, der Aufforderung erfolgreich nachzukommen; Religionsstiftern wie Jesus und Buddha und moderneren Weisen wie Osho, Tolle und Winter.

Meines Erachtens ging und geht es in aller spirituellen und auch magischen Literatur zunächst darum, unsere Psyche zu überwinden, einen anderen Seinszustand und eine andere Form von Bewusstsein zu erlangen.

Was nun den „Rezepteblock“ betrifft, die Frage nach dem „Ja wie mach ich‘s denn nun?“ lautet mein
Fazit, tatsächlich mit unseren Rollen und den Rollenbezogenen Glaubenssätzen zu beginnen. Der natürliche Startpunkt ist dann natürlich unsere Kindrolle, die es zu beleuchten gilt unter der Leitfrage: „Welches sind die Glaubenssätze, die ich im familiären Kontext als Kind verinnerlicht habe und die mir „mein Leben im Elternhaus“ leichter gemacht haben?

Leider habe ich kein Patentrezept gefunden, WIE man diese Glaubenssätze wieder ins Bewusstsein holt; gleichwohl finden sich im Internet genügend Hinweise und Quellen, mit denen man weiterarbeiten kann.

Es mag hilfreich sein, ergänzend dazu eine andere Perspektive einzunehmen und die eigenen Stressoren zu überprüfen: Nehmen Sie sich Zeit und fragen Sie sich, in welchen Situationen Sie in unangenehmen Stress geraten und welchen Situationen Sie genau aus diesem Grund fast immer aus dem Weg gehen  („Vermeidungsziel/Vermeidungsritual“). Stellen Sie dann die Verbindung zu möglichen, dazu passenden Glaubenssätzen her: „Ich vermeide eine solche Situation, weil ich glaube, dass…..“. Führen Sie darüber Buch.

Ich glaube übrigens, dass sich vor dem Hintergrund dieser Überlegungen und im Gegensatz zu etlichen therapeutischen und spirituellen Empfehlungen die Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit lohnt: nämlich mit dem Ziel, die einzelnen Bausteine unseres Containers, unseres „Inneres Gesetzbuch“ aufzudecken, uns selber transparent zu machen und auf ihren heutigen Nutzen für uns hin zu prüfen, um uns dann ggfs. von ihnen zu verabschieden.

Ich glaube auch außerdem, dass sich die intensive intellektuelle Beschäftigung mit diesem Thema lohnt und sie einem sehr nützlich sein kann. So stelle ich zunehmend mehr an mir selber fest, dass sich alleine durch meine Beschäftigung mit diesen Themen mein Verhalten in manchen Situationen schon (sehr) verändert hat.

Allein die Erkenntnis, dass unsere Psyche, oder unser mentales Modell, das wir von der Realität erzeugen und in unserem Gedächtnis internalisieren, den Begriff von „Wahrheit“ relativiert, ergibt für Konfliktsituationen eine enorme Erleichterung  und eine ganz andere, neue Handlungsoption: Alles, was jemand anders (im Konflikt) als Wahrheit in die Diskussion bringt, ist immer nur seine Wahrheit. Ebenso, wie ich meine Wahrheit habe, die jedoch in dergleichen Situation völlig anders sein kann; von daher ist Wahrheit im sozialen Kontext immer ein soziales Konstrukt, an dessen „Herstellung“ entweder gemeinsames Interesse besteht oder nicht. Eine aufgrund von Machtpositionen „durchgedrückte“ Wahrheit darf man also jederzeit und ganz zu Recht bezweifeln.

Mein weiteres Vorgehen

Mein weiteres Vorgehen wird geleitet von folgenden Fragestellungen:

Durchgängig wird in den hier vorgestellten und diskutierten Quellen die Überzeugung geteilt, dass unsere Komfortzonen „Gefängnisse“ darstellen und es in unserer Verantwortung liegt, diese Gefängnisse zu verlassen. Die damit verbundenen Risiken werden unterschiedlich gravierend dargestellt.

Hier greift meines Erachtens ein schon bekanntes Denkmuster:

„Vermeide es, in deinem Gefängnis zu beharren!“

„Vermeide den Stress, den du dir durch dein Verharren in deiner Komfortzone unweigerlich einhandelst.“

„Vermeide diese unnötige Energie, die du immer wieder aufbringen musst, um in deiner Komfortzone verbleiben zu können.“

„Vermeide deine (meist vergeblichen) Versuche, deine Außenwelt so beeinflussen zu können, dass sie in DEIN mentales Realitätsmodell passt.“

Was wäre aber, im Gegensatz zu diesen negativen Vermeidungszielen, wenigstens ein positives Ziel, das ich durch den Gefängnisausbruch erreichen könnte? Und was erreicht „man“ vielleicht generell? Und was erreiche naturgemäß nur ich persönlich?

Was erwartet mich hinter meiner Psyche?

Wie lebt sich’s ohne mentales Realitätsmodell?

Ganz betriebswirtschaftlich gefragt: Wie sieht’s denn mit der Kosten-/Nutzen- oder Risiken-/Nutzen-Relation eines solchen Projektes aus?

Die zweite Richtung, die ich weiterverfolgen werde, ist die Lektüre weiterer fachwissenschaftlicher Quellen, und jetzt gezielter: Veröffentlichungen aus „den Neurowissenschaften“ zur Entwicklungspsychologie, um noch mehr wissenschaftliche Fakten darüber zu erfahren, durch welche einzelnen Prozesse sich die kindliche Psyche bis hin zur Adoleszenz entwickelt und formt.

 

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