Identität (II)

Die Frage „Wer bin ich?“ ist hier noch nicht beantwortet.

Und noch immer kann man die Frage stellen: Was hat die Antwort mit meiner Identität zu tun? Oder: Was hat meine Identität mit mir selbst zu tun?

Am 19.4.2013 habe ich hier im Blog geschrieben:

„Was wäre denn, wenn wir „von jetzt auf gleich“ alle (!) unsere Rollen ablegen könnten?
Ja. Was dann?
Dann bin ich „nur noch“ der, der sich all dessen bewusst ist.
Das bin dann ich. Reines Bewusstsein.
Das ist mein SELBST.

Werde, der du bist.
Werde du selbst.
Werde wieder du selbst.“

Ist es demnach nicht nur folgerichtig, anzunehmen, dass wir als unsere „Selbste“ gar keine Identität haben?
Wenn ich reines Bewusstsein bin, bar jeglicher Rolle, habe ich und benötige ich auch gar keine Identität. Dann „bin ich, der ich bin“ [kommt bekannt vor, oder?].

Sobald ich mich im sozialen Kontext sehe – und das beginnt ja bekanntermaßen, sobald wir das Licht der Welt erblicken – fange ich an, Rollen zu übernehmen, Ego’s auszubilden und irgendwann (in der Pubertät eher noch unbewusst)  mit der eigenen Identitätsarbeit zu beginnen, mich in meiner Umwelt als eigenständige Persönlichkeit zu behaupten.

Das Bild ist doch rund oder?

Noch vor meiner Geburt hat sich meine Geschlechterrolle bereits geklärt und ich besitze eine sexuelle Identität.
Wer bin ich? Eine Frau.

Unmittelbar nach meiner Geburt übernehme ich ungefragt die Rolle „Staatsbürger“ und erhalte die zugehörige nationale Identität.
Wer bin ich? Ein Deutscher.

Im Lauf meiner weiteren Entwicklung entscheidet „sich“ dann, ob ich z.B. eine zu meiner Rolle „Tochter“ entsprechende Identität aufbauen kann oder eine Identität, die zu meiner Rolle „Schwester“ passt. Vielleicht passt hier der Begriff „familiäre Identität“.
Wer bin ich? Tochter von …und Schwester von…

In der Rolle „Schüler“ muss ich ebenfalls eine eigene „Schulidentität“ aufbauen.
Wer bin ich? Schüler der 11. Klasse der XY-Schule.

Und so weiter und so fort, für alle unseren Rollen.

 

Wichtig wieder die Formulierung:
Vielleicht finde ich eine Identität, die zu meiner Rolle XY passt.

Weil, wie wir gesehen haben, eine „passende“, d.h. für uns stimmige, Identität nicht einfach gefunden werden kann, sondern immer wieder selbst von uns neu erarbeitet werden muss [Identitätsarbeit].

Keupp et. al. schreiben sinngemäß, dass im Laufe der individuellen Identitätsarbeiten einige Identitätsziele quasi immer angestrebt werden: Diese sind
– Anerkennung
– soziale Integration
– Entschiedenheit
– Autonomie
– Selbstachtung
– Selbstwirksamkeit und
– Originalität.

Und wie bereits zum Schluss des letzten Artikels geschrieben:
Wenn es uns gelingt, die verschiedenen Identitätsziele für uns passend, stimmig zu verwirklichen, sind wir authentisch.

Unsere Identität ist umso „stabiler“, je mehr sich die Ergebnisse unserer Identitätsarbeit im Laufe der Zeit ähneln. Dies ist, Kohärenz genannt, das zweite wesentliche Element von Identitätsarbeit, neben der Authentizität.

Mir scheint, dass gerade die Kohärenz in der Identitätsarbeit dasjenige Element ist, welches uns die emotionale und intellektuelle Fähigkeit gibt, mit den immer schneller erfolgenden Veränderungen in unseren Leben gut zurecht zu kommen.

Von daher scheint es nicht nur legitim, sondern sehr förderlich sein, sich hierüber Klarheit zu verschaffen.

Wer bin ich?
Ich bin der, der sich immer bewusst ist, dass er im Lauf seiner lebenslangen Identitätsarbeit eine Vielzahl Rollenbezogener Identitäten, und dabei doch einen kohärenten und authentischen Teil all seiner Persönlichkeiten entwickelt, der ihn sagen läßt: Ja. Das bin ich. Und ich akzeptiere oder liebe mich, so wie ich bin.

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Identität

Der Begriff „Identität“ hat viel zu tun mit den bisher behandelten Themen.
Und speziell mit der Frage „Wer bin ich“?

Es ist doch im ersten Moment verwunderlich, dass wir uns diese Frage „Wer bin ich“? eigentlich höchst selten, wenn überhaupt, stellen.
Ich könnte fast schmunzelnd unterstellen, dass ich auf die Frage nach dem Grund hierfür vermutlich oft zur Antwort bekäme: „Ich habe für so eine Frage überhaupt keine Zeit“ oder „Hast du nichts Besseres / Wichtigeres zu tun?“

Heinz Abels schreibt so treffend:
„Selbst wenn wir nicht explizit fragen, wer wir sind, müssen wir damit rechnen, dass wir ungefragt Antworten erhalten. Die Antworten können erschrecken, auf jeden Fall lebt es sich ab dann nicht mehr ruhig und in Frieden, sondern man muss an die Arbeit – auch an uns selbst“.

Da kommt in der sozialen Kommunikation schon mal die Frage hoch: „Watt? Wer bis du denn?“
Und dann gebe mal eine Antwort.

Ich könnte jetzt natürlich im Sinne des Einwohnermeldeamtes kurz alle relevanten Daten aufzählen, die mich als Bürger Deutschlands exakt identifizieren. Aber auch hier gilt wieder: Diese Daten identifizieren mich zwar (aus einer bestimmten Perspektive heraus), aber ich bin nicht diese Daten.

Oder ich stelle fest, dass ich eine wie auch immer geartete, kulturelle Identität besitze.
Aber auch die ist keine Antwort auf die Frage „Wer bin ich“.

Identität wird dann bedeutsam, wenn es darum geht, im jeweils betrachteten sozialen Umfeld gegenseitige Erwartungen abzugleichen:

Bin ich zum Beispiel in der Rolle „Abteilungsleiter“ des Unternehmens XY in der Lage, die Erwartungen, die man an diese meine Rolle stellt, mit meinen eigenen Erwartungen „zu aller Zufriedenheit“ abzugleichen, also auch zu meiner eigenen?
Wenn ja: kein Thema. Frage „Wer bin ich?“ stellt sich nicht.

Hätte ich aber massive Probleme mit der Akzeptanz der Erwartungen aller anderen, die an mich gestellt werden, käme schnell eine nicht nur vordergründige Frage an mich selbst: „Ja, wer bin ich denn, dass…“

Umgekehrt: Hätten alle anderen Probleme mit der Akzeptanz MEINER Erwartungen, die ich selbst an meine Rolle stelle,  wäre ich möglicherweise gezwungen, mich zu fragen: „Wer bin ich denn, wenn ich hier nicht meine eigenen Vorstellungen von Führung (in vernünftigem Rahmen) realisieren könnte?“

Tauschen Sie die hier beispielhaft gewählte Rolle „Abteilungsleiter“ gegen jede andere aus und die Problematik bleibt die gleiche.

Krappmann schreibt: „Vielmehr muss der Aufbau einer individuellen Identität als eine den Strukturen sozialer Interaktionsprozesse entsprechende Leistung des Individuums gesehen werden, ohne die eine Beteiligung an Kommunikations- und Handlungsprozessen gefährdet ist.

Und weiter

„Diese Leistung kann misslingen, weil antagonistische Verhältnisse dem Individuum nicht gestatten, sich als identisch zu behaupten, sei es, weil ungünstige Sozialisationsbedingungen ihm nicht die Fähigkeit vermittelt haben, Identität auch bei diskrepanten Erwartungen zu wahren.“

Mit anderen Worten:
Mich als „mich selbst“, als eigenständiges Individuum, in der Kommunikation zu behaupten, kann auch gründlich schief gehen.

Mit ein Grund, warum Unternehmen z.B. viel Geld in Weiterbildungen wie Konfliktmanagement etc.
investieren – natürlich nicht für alle.
So gesehen ist Identität immer Differenzbildung:
Wie bringe ich die Erwartungen anderer an meine jeweilige Rolle mit meinen eigenen Erwartungen möglichst in Einklang (win-win)? Sofern dies im Rahmen von Kommunikations- oder Handlungsprozessen gelingt, sind beiden Partnern ein Stück Identitätsarbeit gelungen.

Unsere Identität ist uns also NICHT als etwas einmal Auffindbares mit in die Wiege gelegt worden;
nichts Konstantes, nichts Stabiles, nichts Immerwährendes.
Unsere Identität ist ganz im Gegenteil ein temporäres Konstrukt, Ergebnis einer unserer immerwährenden Identitätsarbeiten, die wir zu leisten haben.

Identität entsteht als Ergebnis von Identitätsarbeit an der Schnittstelle von „Ich“ und „die Anderen“.
Und je nachdem, welche persönlichen Kompetenzen ich in die Identitätsarbeit mitnehmen kann, wird das konkrete Ergebnis sehr unterschiedlich ausfallen:
Wie man so schön sagt: „Die ist total angepasst“ (und somit höchst anerkanntes „everybodies Darling“), „Der geht über Leichen“ oder eben: „Die agiert auf Augenhöhe“.

Keupp et.al. schreiben:
„Das wohl schicksalhafteste Paradoxon besteht in unserem Bedürfnis nach Anerkennung und gleichzeitig nach Unabhängigkeit: Wie erreiche ich mit dem, was ich tue und wie ich mich darstelle, Anerkennung von signifikanten Anderen?“

Keupp et.al. nennen verschiedene Identitätsziele, wie z.B. Anerkennung, soziale Integration, Entschiedenheit, Autonomie, Selbstachtung, Selbstwirksamkeit, Originalität u.a.

Diese werden individuell unterschiedlich gewählt und können zudem auch noch im Konflikt zueinander stehen.

„Wie gelingt es also dem Subjekt, Prozess und Konstruktionen der Identitätsarbeit in ein Passungsverhältnis zu bringen, das aus Sicht des Subjekts „stimmig“ ist und das Gefühl erzeugt, dass man selbst etwas Gelungenes geschaffen hat? Dieses Gefühl wollen wir mit dem Begriff „Authentizität“ fassen“ [Keupp et.al].
Auch der nächste Artikel wird sich mit dem Thema „Identität“ befassen.