Life Benchmark ?

Gestern Abend hatte ich das Vergnügen, einem Gespräch zwischen Svenja Flaßpöhler, Gunter Dueck und Hartmut Ihne beizuwohnen. Es ging um „Arbeit 2.0 – Lust oder Frust“.

Im Lauf des Gesprächs ging es u.a. darum, welche Art von Leben in unserer heutigen Gesellschaft („Leistungsgesellschaft“) anerkannt ist und welches nicht.

Der Grad von Anpassung wird gemessen und je nach Messergebnis belohnt oder bestraft.
Das gilt im Wissenschaftsbetrieb [Anzahl Veröffentlichungen und Häufigkeit des zitiert-worden-seins] ebenso wie in der Industrie oder den Behörden mit Zielvereinbarungen etc.

Und gut für die Manager:
Die Messskala ist nach oben hin offen. Es geht immer noch was. Sie können immernoch ein „Päckchen“ drauflegen und den internen Wettbewerb zwischen ihren Leuten immer weiter anheizen, den individuellen Ehrgeiz immer noch mehr anstacheln.
Und damit ihre Leute kaputt machen.

Oder es sind Frau Flaßpöhlers „Genussarbeiter“, diejenigen nämlich, die gerade genauso ein Leben bewusst leben wollen, weil sie ihre Arbeit gerne tun, das damit Erreichbare genießen und sich auf diese Art selbst verwirklichen.

„Das ist einer, der passt sich überall an“.
„Die ist total angepasst“
Das hören wir nicht so gerne, oder?

Wem oder was passen wir uns denn eigentlich an?

Wir passen uns den jeweils geltenden Spielregeln an.
Wo jeweils geltend? Und wofür?

Den (Spiel-)regeln des örtlichen Rocker-Clubs.
Den (Spiel-)regeln der jeweiligen Kirchengemeinde.
Den (Spiel-)regeln der jeweiligen Schule.
Den (Spiel-)regeln unseres Arbeitgebers.
Den (Spiel-)regeln unseres politischen Systems.
Den Regeln unseres Sozialsystems.
Den Regeln des Straßenverkehrs.
Den Regeln des Einkommensteuergesetzes.
Den Regeln der Rentenversicherung.
Den Regeln unseres Sportvereins.
Den Regeln, die für das Arbeiten im chemischen Labor gelten.
Den Regeln, die für eine Promotion oder Habilitation gelten.
und und und.

Man erkennt noch einmal den Zusammenhang mit unseren Rollen:

Manche Rollen nehmen wir automatisch an und können auch garnicht anders, weil wir allein durch unsere Geburt Mitglieder bestimmter Systeme sind (z.B. Mitglied des Systems BRD etc.). Andere Rollen nehmen wir an, „weil man es halt so tut“ und wieder andere übernehmen wir ganz aus freiem Willen.

Je mehr Rollen wir innehaben, desto mehr sind wir Mitglieder verschiedener Systeme und desto mehr Regelsystemen unterwerfen wir uns – freiwillig oder gezwungenermaßen.

Tun wir dies nicht, werden uns die entsprechenden Rollen wieder aberkannt (wir fliegen z.B. aus einem Verein heraus oder werden aus der Kirche ausgeschlossen) oder aber, wir behalten die Rollen, werden aber bestraft.

So erleben wir, dass wir unsere Rolle „Autofahrer“ eventuell temporär aberkannt bekommen oder wir auf einmal die Doktortitel öffentlicher Personen hinterfragen und diese ggf. wieder aberkennen.

Nun geht das Spiel natürlich noch viel weiter:

Auf einmal gibt es die unausgesprochene Spielregel, sich ab einem bestimmten Alter regelmäßig einer Darmspiegelung zu unterziehen. Bekennt man öffentlich – wie z.B. in einer Talkshow geschehen – dies bewusst nicht zu tun, wird man sogleich als sehr schlechtes Vorbild abgestempelt. So werden aus Empfehlungen heimliche Spielregeln.

Sodann der ganze Tanz um die Themen Fitness und Ernährung.

Gunter Dueck sprach an dem Abend vom Foucault’schen Panoptikum:
Wir alle leben mit einer bereits internalisierten Überwachungskamera und überwachen uns schon selbst, dass wir die etablierten Spielregeln einhalten.

Das erinnert mich wieder an unsere Komfortzone.
Das Einhalten von Spielregeln von ganz klein auf und die Gefühle, die wir bei Regelverletzungen empfunden und verinnerlicht haben, haben ja genau zu dem Container, dem Käfig oder der Komfort- oder Wohlfühlzone geführt, den wir jetzt mit unserer internen Überwachungskamera ausleuchten, um uns damit selbst vor einem Verlassen zu bewahren.

Eine der radikalsten Formen, sich von allen Regelsystemen frei zu machen, praktizieren vermutlich die Indischen Aghori.

Ja. Von den Regelsystemen frei machen. Ist es das?

Michael Alznauer schrieb gestern in einem Essay in der „Welt“:
Freiheit: Wer, wovon, wozu?

Ohne diese Zusatzfragen bleibt die Forderung nach Freiheit abstrakt, sinnfrei.

 

Wenn ich aber bspw. präzisiere und sage:

Als Leiter eines Projektes mit einem Investitionsvolumen von mehreren Millionen Euro möchte ich einen Teil dieses Budgets selbstverständlich nutzen dürfen, um meinem Projektteam ab und an abends eine Pizza zu spendieren. Und zwar ohne alle im Unternehmen geltenden bürokratischen Hürden überwinden zu müssen.

Oder als Biologiestudentin mit Bedarf nach einer Pipette möchte ich die Freiheit haben, mir ein für meine wissenschaftliche Arbeit erforderliches Gerät verfügbar zu machen, ohne dass ich einen wochenlang dauernden Genehmigungsprozess überstehen muss.

Oder als Krankenschwester endlich wieder meiner Berufung nachkommen können, anstatt den Großteil meiner Zeit meine Aktivitäten in einen Rechner zur Dokumentation und zum Leistungsnachweis einzugeben.

Und und und….tausende weiterer Beispiele.

Also dort, wo Prozesse und deren Messung infolge des alle Branchen erfassenden Industrialisierungswahns zum Selbstzweck werden, sagen:

Hallo, Leute: geht’s noch?
Und hier spielen wir schlicht nicht mehr mit.
Aus dieser Art von Life Benchmark steigen wir aus!

 

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Das Leben “ampfersisch” [oder auch: an und für sich ;-)]

Ist Ihnen eigentlich schon einmal aufgefallen, in welch unterschiedlicher Art und Weise das Wort „Leben“ von uns verwendet wird?

Manche reden davon, „das Leben“ sei nicht planbar und tun so, als ginge es sie irgendwie nichts an, als stünden sie gleichermaßen neben „dem Leben“.
Als sei das Leben irgendeine nicht näher definierbare Äußerlichkeit, die uns entweder wohl oder auch nicht wohlgesonnen ist; und wenn nicht, ist dies eben unser Schicksal, das wir erdulden müssen, möglichst noch in aller Demut.

Andere reden von ihrem Leben und dem Leben ihrer Mitmenschen, machen  das Leben zu etwas, das ganz eng mit ihnen verbunden ist, ihnen alleine gehört und manchmal niemand anderen etwas angeht.

Ja was ist es nun? Irgendetwas, das außerhalb von uns passiert und jeden betrifft und trotzdem zu einem individuellen Erleben führt?

Das ging mir heute Morgen durch den Kopf und ich dachte, schau doch mal nach, was Wikipedia dazu sagt….

Wikipedia sagt:

„Leben
 ist der Zustand, den alle Lebewesen gemeinsam haben und der sie von unbelebter Materie unterscheidet:

Ein System als solches ersteigt noch nicht die Stufe des Lebens, da auch unbelebte Zusammenschlüsse einzelner zu höheren Einheiten über mehrere Stufen hinweg vorkommen.[2]


Daraus lassen sich immerhin einige interessante Ergebnisse für uns Menschen ableiten:
– Wir Menschen sind die einzigen, die sich ihres Zustandes „Leben“ bewusst sein können;
– Wir sind die einzigen, die diesen Zustand auch bewerten können;
– Wir sind die einzigen, die ihre Wechselwirkung mit der Umwelt so verändern können,
dass die Bewertung des Zustands „Leben“ positiver ausfällt;
– Anlass für aktive Veränderung unserer Umwelt sind die unterschiedlichsten Bedürfnisse,
die wir haben können;

Es folgt außerdem:
– Wir haben AUCH die Möglichkeit, unsere Wechselwirkungen mit unserer Umgebung auf
ein Minimum zu reduzieren, d.h. auf ein Ausmaß an Aktivität, das so gerade noch unsere
Lebensfähigkeit sicherstellt.
– Wir können also das allem Leben zugrundeliegende Prinzip „Wechselwirkung“  (theo-
retisch!) in zwei „Einbahnstraßen“ umwandeln:
– von außen nach innen:
  Wir erleben die Wechselwirkung sehr stark als eine Beeinflussung „von außen“, sind selbst
weitestgehend passiv und re-agieren bestenfalls auf das von außen auf uns Einwirkende;
– von innen nach außen:
  Wir erleben die Wechselwirkung genau umgekehrt und nehmen uns selbst als außerordent-
lich aktiv wahr, als unsere Umwelt beeinflussend und erleben unsere Umwelt als eher
passiv und wenig Widerstand bietend.


Und: Die Betonung des Wortes „Wechselwirkung“ legt eigentlich nahe, Leben als einen dauerhaften Prozess zu sehen und nicht als einen Zustand.


Leben ist ein dauerhafter Prozess.
Die Art und Weise, wie wir im Laufe dieses Prozesses mit unserer Umwelt wechselwirken, macht unsere individuelle Lebensqualität aus.

Dies wiederrum hängt davon ab, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen, also von unserer individuellen Realität, denn:
Die Art, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen, hängt sehr stark von unserer Biographie, Vorgeschichte oder Sozialisation ab.
Wir müssen uns klar machen, dass wir ALLE Zeiten erlebt haben – von unserer Geburt bis in spätere Jahre des Erwachsenseins – zu denen wir naturgemäß nicht in der Lage waren, selbst aktiv mit unserer Umwelt zu wechselwirken. Wir haben z.B. als Säuglinge durch Schreien auf unsere Bedürfnisse aufmerksam gemacht und haben bereits in dieser Zeit die unterschiedlichsten Erfahrungen damit gemacht, auf welche Art und Weise unsere Bedürfnisse von „unserer Umgebung“ (i.d.R. zunächst die Mutter / Eltern) befriedigt wurden.
Und wir haben alle von klein auf gelernt, welche unserer Bedürfnisse wie und von wem befriedigt wurden. Zunächst gefühlsmäßig, später auch zunehmend mehr verstandesmäßig.
In dieser Zeit des Aufwachsens ist das Bild, das wir von unserer Umwelt haben, sehr stark von Anderen geprägt worden – und wir haben im Wesentlichen das Leben anderer Menschen gelebt, aber nicht unser eigenes.

In unseren Trotzphasen und in der Pubertät haben wir alle es unterschiedlich „gut“ fertig gebracht, unseren Willen gegen den unserer Umwelt durchzusetzen, unsere eigenen Persönlichkeiten zu entwickeln, unseren „eigenen Kopf“ durchzusetzen. Und waren dabei
unterschiedlich erfolgreich, denn: Wie man zu einer balancierten Wechselwirkung mit seiner Umgebung gelangt, steht ja leider auf keinem Lehrplan. Hier sind wir uns allen selbst überlassen.

Und wir haben alle (!) für uns denjenigen Lebenszustand gefunden, der uns die wenigsten negativen Einflüsse unserer Umwelt beschert, den Zustand, in dem es uns soweit „gut geht“, in dem wir uns komfortabel fühlen, eben unsere „Komfortzone“.

Dabei spielt es in dem hier verwendeten Bild keine Rolle, ob unsere Wechselwirkung mit der Umwelt ausbalanciert ist oder eher einer der beiden „Einbahnstraßen“ ähnelt:
Wir können uns in unserer Passivität der Umwelt gegenüber (in unserer „Unmündigkeit“) wohl fühlen und uns einrichten; wir können aber auch genauso gut zufrieden und glücklich sein, wenn wir immer versuchen, unseren Willen dazu zu benutzen, Macht auf unsere Umwelt auszuüben.

Ich denke, etliche meiner Leser sind soweit „vom Fach“, dass sie unschwer erkennen können, wie einfach sich Persönlichkeitsmodelle wie DISG oder Methoden wie z.B. die Transaktionsanalyse, an das hier Geschilderte anschließen lassen.

Interessanterweise ist eine weitere Schlussfolgerung aus dem oben Gesagten möglich:

Ich strebe für mein Leben einen Zustand an, der dem Bild der Einbahnstraße „von außen nach innen“ entspricht: Ich bin weitgehend passiv, meine Umwelt „passiert“ mir, ich bin weitgehend fremdbestimmt, ich schaue, dass ich in meinem Leben „irgendwie“ zurechtkomme etc. Dies ist der Passivzustand.

Ich strebe für mein Leben einen Zustand an, der dem der ausbalancierten Wechselwirkung entspricht: Ich habe meinen Platz in meiner Umwelt gefunden, bin als Persönlichkeit in meiner Umgebung anerkannt, ich werde respektiert und respektiere andere, bin mithin ein beliebtes und anerkanntes Mitglied der Gesellschaft etc. Dies ist der Balancezustand.

Ich strebe für mein Leben einen Zustand an, der dem Bild der Einbahnstraße „von innen nach außen“ entspricht: Ich bin sehr aktiv, versuche immer, dominant zu sein, möchte mir meine Umwelt so machen, wie ich will, respektiere Andere eher nicht, bin ein ausgesprochener Machtmensch und „gehe notfalls über Leichen“ etc. Dies ist der Aktivzustand.

„Die Wahrheit liegt bekanntermaßen in der Mitte“.
Das trifft‘s doch auch wieder.


Und es geht noch weiter:

Wenn ich mir die Beschreibung des Passivzustandes noch einmal anschaue, läßt sich hier noch weiter argumentieren:
Menschen, die sich in diesem Lebenszustand befinden, leben in aller Regel kein glückliches Leben. Eher leiden sie. Oftmals machen sie auch ihre Umwelt für ihr Leiden verantwortlich. Oftmals ist ihnen ihre Situation verstandesmäßig sogar bewusst, sie sehen nur keinen Weg, sich selbst zu verändern, da sie den Schritt aus ihrer Komfortzone heraus nicht schaffen. Ihr „Gefühlskörper“, ihr Panzer ist so stark, dass sie ohne fremde Hilfe nicht hinaus können.
Wir könnten auch sagen: Dies ist der leidende Passivzustand.

Nun wissen wir inzwischen aber auch, dass  wir aus dem leidenden Passivzustand herauskommen können, wenn es uns gelingt, unsere inneren Einstellungen zu verändern:
Wir wollen und können unsere Umwelt nicht verändern, aber wir können UNS selbst verändern. Wir lassen die gleichen Wechselwirkungen mit unserer Umwelt zu wie bisher, ändern allerdings unsere Wahrnehmung, lassen „sie passieren“, machen sie aber nicht mehr in jedem Fall „zu unserem Ding“. Wir stellen uns auf den Standpunkt: Das passiert jetzt gerade, ich bin auch mittendrin, aber das, was passiert, hat ja eigentlich nichts mit mir, mit MEINEM Leben zu tun.
Ich bin gar nicht betroffen. Endlich habe ich gelernt, mich nicht mehr immer als „Betroffener“ zu fühlen, sondern der Art meiner Wechselwirkung mit meiner Umwelt einen „anderen Touch“ zu verleihen, sie wahrzunehmen, sie zu akzeptieren, nicht mehr „zu meinem Ding“ zu machen, nicht mehr unter ihnen zu leiden und sie nicht mehr
verändern zu wollen. Das ist der erleuchtete Passivzustand.

Und um diese Betrachtung abzuschließen:
Der Verdacht liegt doch sehr nahe, dass es neben dem erleuchteten Passivzustand auch noch sowohl den erleuchteten Balancezustand als auch den erleuchteten Aktivzustand gibt.

Als „erleuchteten Balancezustand“ würde ich den Balancezustand benennen wollen, in dem ich bei allen Wechselwirkungen, die in meinem Leben stattfinden, KEINERLEI negative Gefühle mehr wahrnehme und somit in einem Glückszustand verbringe.

Als „erleuchteten Aktivzustand“ würde ich den Aktivzustand benennen wollen, in dem ich einerseits ausschließlich Gutes tun möchte und in dem mir dies auch bedingungslos gelingt.

Wobei wir letztlich wieder bei einer Art „Reifegradmodell des Lebens“ angelangt sind.

 

 

Resümee des Bisherigen nach einigem urlaubsbedingtem Abstand ;-)

Wenn ich mir meine bisherigen Artikel noch einmal Revue passieren lasse, so habe ich einen Wechsel der Betrachtungsebenen vollzogen:
Gestartet bin ich auf einer rein verstandesmäßigen Ebene mit der Frage der Anwendbarkeit einzelner Methoden des Projektmanagements auf die eigene Lebensplanung. Mein Fazit lautet hier:
– natürlich kann man sein Leben planen (und jeder tut dies auch); allerdings sollte man
hierbei „Augenmaß“ behalten, d.h. nur größere Zeiträume ins Auge fassen.
– Ausrichten sollte man seine Lebensplanung ausschließlich daran, was einem selber wichtig
ist; und das muss man erst einmal mal rausfinden.
– Um diese Betrachtung zu vereinfachen, ist es sinnvoll, seine verschiedenen Lebensbereiche
(wie z.B. Beruf; Gesundheit; Hobbies, Beziehungen etc.) einzeln zu betrachten, für jeden
dieser Bereiche herausfinden: Was ist mir hier wichtig? Und daraus konkrete Ziele ableiten.
– Dies passiert nicht egoistisch nach dem Motto „Ich gegen der Rest der Welt“, sondern
immer unter Berücksichtigung der sozialen Kontexte, in denen wir uns bewegen.
– Eines unserer Grundbedürfnisse ist es, „glücklich“ zu leben [es ist mir wichtig, ein glück-
liches Leben zu führen]; also ist es sinnvoll, für sich selbst herauszufinden, was dies für
einen persönlich bedeutet; in dem Zusammenhang hatte ich auf kurzfristiges „Wohlfühl-
glück“ im Unterschied zu langfristigem „wertebasiertem Glück“ hingewiesen [oder, um mit
Erich Fromm zu sprechen: von Haben und von Sein].
Dies alles kann man ohne großen intellektuellen Aufwand betreiben.
Sich selbst ernst zu nehmen, sich wichtig zu nehmen und dies auch „nach außen“ zu vertreten, kann allerdings, wie wir gesehen haben, mit ungewohntem, emotionalem Stress verbunden sein: Wir müssen z.B. unter Umständen lernen, öfter und beharrlicher „Nein“ zu sagen, geraten eventuell an unsere Glaubenssätze und damit an unsere „Komfortzone“ und müssen für uns selbst die Entscheidung treffen: Ist es mir das wert?

Wenn wir dies nicht tun, geht eines nicht: Wir können nicht Andere für unsere Lebensqualität verantwortlich machen (abgesehen natürlich von gravierenden Ausnahmen, wenn z.B. jemand anders einen Unfall verursacht, bei dem ich der Leidtragende bin).
Weil generell gilt: Ich bin für mein Leben – privat wie beruflich – selbst verantwortlich.

Ich habe an Beispielen erläutert, in welcher Art und Weise verschiedene wissenschaftliche Disziplinen wie Pädagogik, Psychologie oder aktuelle Vertreter von Managementliteratur sich desgleichen Themas annehmen und welche Konsequenzen hier wie dort gezogen werden.

Die Kernfragen dieser ersten Betrachtungsebene waren:

– Was will ich eigentlich wirklich?
– Was kann (und sollte) ich tun, um mein Leben ab sofort daran auszurichten?
– Was sind hemmende, was sind förderliche Aspekte bei der Umsetzung?

Die zweite Ebene der Betrachtung ergänzt die bisherige Ebene um spirituelle Aspekte:

Ausgehend von den beiden alten griechischen Appellen:
– Erkenne dich selbst und
– Werde der du bist

lautet die Kernfrage hier:

– Wer bin ich eigentlich?

 

Vergleicht man hierzu verschiedenste Quellen, kann man – wie ich – zu dem Schluss gelangen:
– es ist inzwischen wissenschaftlich erwiesen, dass wir mit „Gutmensch-anlagen“ geboren
werden, soll heißen, dass wir bereits mit 6 Monaten ein empathisches Verhalten an den
Tag legen, das wir (noch) nicht erlernt haben können.
– im Verlauf unserer Sozialisierung entfernen wir uns (ungewollt) immer stärker von uns
„Selbst“ (durch die Einflüsse von Familie, Freunde, Kindergarten, Schule etc. etc.), nehmen
die verschiedensten   Rollen an und bilden – so meine Überzeugung – je Rolle verschiedene
Ego’s oder Persönlichkeiten aus.
– wir lernen, was sich „alles nicht gehört“, „was man alles nicht tut“, „was man auf keinen
Fall darf“ und umgekehrt: was alles wir tun müssen, damit wir in unseren sozialen
Kontexten Anderen gefallen, bzw. „funktionieren“.
– wenn wir „funktionieren“, sind alle lieb zu uns, uns geht es gut und so bilden wir im Lauf
der Zeit unsere „Komfort- oder Wohlfühlzone“ aus.
– Und immer dann, wenn sich in uns „etwas regt“, wenn uns unser Verstand sagt, dass wir
eigentlich anders agieren sollten, nämlich auch einmal gegen die Erwartungen anderer,
geraten wir emotional an die Grenzen unserer Komfortzone und somit in Stress.
– das führt zu der bitteren Erkenntnis: eigentlich sind wir nicht frei, wir leben „unterhalb
unserer Möglichkeiten“, oder wie Gurdjieff (und andere) sagt: „Wir verschlafen unser
Leben“, oder: Wir werden eben NICHT, wer wir sind.

 

Übrigens, dass es sich hier nicht um „esoterische Spinnerei“ handelt, kann man daran erkennen, dass sich eine der (in Wirklichkeit) trockensten Philosophien, nämlich der französische Existenzialismus, allerdings auf eine etwas andere Art, mit diesen Fragen beschäftigt hat.

Eine seiner Kernthesen lautet ja bekanntlich: Der Mensch ist zuerst und entwirft sich erst im Nachhinein auf sein Wesen, er macht sich selbst zu dem, was er ist.

Ich habe weitere Quellen zitiert, die dann Hinweise geben, wie wir „aus unserem Schlaf“, aus unserer Unfreiheit heraus gelangen können, von unseren Ego’s zurück zu unserem Selbst und damit „Werden, wer wir sind“ oder anders: zu dem werden, was wir zusätzlich noch sein könnten, wenn wir es denn sähen und es dann auch wollten.

Fast alle dieser Quellen weisen darauf hin, dass diese Freiheit nicht leicht zu erlangen ist:

Handelt es sich auf dem Weg dorthin doch um Veränderungsprozesse der eigenen Psyche,
die anzugehen uns Angst bereitet, weil wir uns auf vollständigen Kontrollverlust einlassen müssen.

In der herrlichen Sprache der Magie: Am Eingang des Abyss wartet Choronzon, der Dämon, der alles unternehmen wird, uns das Durchqueren des Abgrunds und das Erreichen unseres Selbst unmöglich zu machen.

Stellen wir uns „der dunklen Nacht der Seele“?

 

Mein jetziges Fazit lautet daher:

Selbstführung

Eine ernsthafte, verstandesmäßige,  Beschäftigung mit den beiden Fragen

– was will ich eigentlich?  Und
– wie kann ich das, was ich will, bestmöglich erreichen?

führt zu einer Form von Selbstführung, die bereits zu einem sehr viel zufriedeneren Leben
„führen“ kann, auch wenn der Weg dorthin mit einigem emotionalen Stress verbunden sein
mag. Dies ist aber nichts, was man nicht lernen könnte, wenn man sich denn auf diese Zielsetzung einlässt.

Eine Unmenge der heute erhältlichen Lebensratgeber haben genau diese Thematik aufgegriffen, man braucht sich nur die entsprechenden Titel anzuschauen.
Die Branche boomt.

 

Selbsterkenntnis

Eine gleichermaßen ernsthafte Beschäftigung mit der ergänzenden Fragestellung

– wer bin ich denn eigentlich?

greift die beiden antiken Appelle „Erkenne dich selbst“ und „Werde, der du bist“ auf und folgt dem spirituellen Bedürfnis, mehr „innere Freiheit“ zu erlangen.
Dies erfordert (massive) Eingriffe in die eigene Psyche und ein Umgehen mit sich selbst, was den westlichen Kulturen [seit Rene Descartes´ “Ich denke, also bin ich“] eher fremd, resp. nicht nachvollziehbar bis hin zu „sehr suspekt“ ist.
Denkt man an die eigentliche Bedeutung der mittelalterlichen Alchemie, neben der Umwandlung von Stoffen in Gold auch die Transformation der eigenen Person zu ermöglichen, ist man „dem Okkulten“ nahe und gerät leicht in den Verdacht, mit der Magie zu sympathisieren. Und ihr gegenüber sehr vorsichtig zu sein, gibt es nun leider infolge der „satanischen Auswüchse“ wirklich ausreichend Gründe.

Selbstführung und Selbsterkenntnis

Dass Selbstführung eine sehr sinnvolle Sache ist, läßt sich mit unserer Verstandes-orientierung leicht einsehen: Dem unmittelbaren Nutzen, sich selbst und dem was, was einem wichtig ist, einen höheren Stellenwert einzuräumen [und damit etwas sehr wesentliches für die eigene „work-life-balance“ zu tun], steht ein vergleichsweise geringer Invest entgegen.

Dass mit der Selbsterkenntnis ein ebenso hoher Gewinn verbunden ist, läßt sich in unserer durch „Cost-Benefit-und Risikoanalysen“ geprägten westlichen Welt hingegen viel schwerer argumentieren.
Erfahrungsberichte der „üblichen Verdächtigen“ werden in die okkulte oder zumindest esoterische Ecke gesteckt; sie selbst sind höchst verdächtig, da sie mit ihren Erkenntnissen ganz nach kapitalistischer Art und Weise (viel) Geld verdienen.

Obwohl: Es ist nicht zu übersehen – Esoterik „boomt“, weil sich ein Großteil der Menschheit nach „etwas“ sehnt, was die langsam absterbenden Systeme, seien sie politischer oder traditionell religiöser Art, nicht mehr zu leisten vermögen.

Der Begriff „Erleuchtung“ führt bei jedem Leser zu gewissen, individuellen,  Assoziationen.

Das, und der Appell „Werde, der du bist“ führen mich an eine meiner Ursprungsfragen zurück:
Wenn ich mich darauf einlasse:
Hat dieser Prozess „meines Ich-selbst-Werdens“ ein definiertes Ende? Meine Erleuchtung?
Oder ist es ein nie endender Prozess der Vervollkommnung unserer selbst?

Wenn Sie ebenso auf Antworten gespannt sind, wie ich:
Bleiben Sie dabei!

 

 

Von unseren Egos zu unserem Selbst…(VIb)

Die Türen auf dem Weg aus unseren Containern heraus.

Vom Streben nach Souveränität:

„Das Streben nach Souveränität wird getrieben durch Erlangen von Herrschaft

– über die innere Welt,
– die äußere Welt,
sowie königlicher Macht über
– die äußere Welt und
– die innere Welt.“

 

Herrschaft über die „äußere Welt“ zu erlangen, heißt:

– Wissen, was wir wollen und
– Wissen, was gut für uns ist.

Wissen, was wir wollen, ist nicht einfach.

„Kinder, die was wollen, kriegen was auf die Bollen“.
Du wir sollen nichts wollen, was die Andern nicht auch wollen.
So wurde uns immer gesagt.
Herauszufinden was wir wollen und für das Recht aufzustehen, das zu wollen, und dem nach zu gehen, was wir wollen, ist keine leichte Aufgabe.
Und zu wissen, was gut für uns ist, ist ebenfalls eine schwierige Frage.
Herauszufinden, welche angenehmen Praktiken es gibt, unsere Gesundheit zu fördern und Freude, sowie angenehme Erinnerungen, ist eine Lebensaufgabe.
Kenntnisse der Psychologien  von Denkern wie Maslow, Csikszentmihalyi und neuerdings Seligmann sind hier eine condition sine qua non.

Zu entscheiden, was wir zugunsten unserer Freiheit aufgeben wollen, ist immer eine Frage.

Eine Balance zwischen unserer Sicherheit und der Realisierung unserer Träume zu finden, ist eine unserer ständigen Aufgaben.
Wir lieben die Sicherheit, die uns ein Job bringt, die uns unsere Versicherungen bringen oder unser Partner. Hier ist Kreativität gefragt.

Wissen, was wir opfern müssen, um das zu erreichen, was wir wollen, resultiert aus der Kenntnis unserer Wünsche und der Anwendung unseres Verstandes.
Und hier ist die Erkenntnis: Uns bewusst in schwierige Situationen zu bringen (und sie zu meistern) bringt uns die wirkliche Kraft des Seins.
Der simple Akt zu tun, was schwierig ist, nur um Macht über uns selbst zu erlangen, ist der Weg zu wirklicher Kraft.

Die Kultivierung rationaler Voraussicht, gepaart mit gesunder Selbstliebe, gibt uns eine Idee von den Zielen, für die zu kämpfen es sich lohnt. Und so wie wir die Ziele verfolgen, stärken wir unsere Willenskraft, die uns größere Ziele anstreben läßt.

Wir nennen diesen nie endenden Prozess:  Das Erreichen von Kraft, von Macht.

Vor dem Hintergrund des bisher Gesagten ist das doch sehr plausibel.
Auch hier wieder: eine etwas ungewohnte Formulierung des Anspruchs:
„Ich passiere der Welt“ – im Gegensatz zu: Mir passiert die Welt.
In dem Zusammenhang eine meiner eigenen Erfahrungen:

Natürlich habe ich in 30 Jahren Berufstätigkeit in einem zuletzt global agierenden Konzern schon früh gelernt, zu planen, mich selbst zu organisieren.
Ich durfte Zeitmanagement-Seminare besuchen, nannte ein Time-System mein eigen [nach einem halben Jahr hab ich das meinem Sohn geschenkt] und und und.

Und was?

Ich habe festgestellt, dass meine Planungen zu 90% eingetroffen sind!
Ich habe durch meine Planung meine Zukunft gestaltet und eine Trefferquote von 90% erreicht.

Mich überrascht das nicht. Weil ich es richtig gelernt habe.

Ich würde nicht unbedingt die Formulierung wählen „Ich beherrsche die äußere Welt“, aber doch, ja: das ist es. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Allerdings: Es hat mich jeweils relativ wenig Willenskraft gekostet, meine Planungen auch Realität werden zu lassen.

Und ja: Natürlich bin ich inzwischen soweit, dass ich der Empfehlung folge, mir schwierige, ungewohnte, Überraschungen bergende, Ungewissheit bietende Ereignisse zu suchen.
Um aus meiner Komfortzone, aus dem mir Gewohnten, auszubrechen und mich bewusst in Situationen zu begeben, die ich NICHT von vornhinein unter Kontrolle habe.

Und eben damit gegen die Kräfte zu kämpfen, die mich immer wieder in meine Komfortzone, meinen Container, zurücktreiben wollen.

Wie war das bei Nietzsche?
„Wille zur Macht“ ?

Hier ist der „rote“ DISG-Typ angesprochen, der Unternehmertyp, der „Pack-an“, der, der „die PS auf die Straße bringt“.
Der, der nicht nur über Planungskompetenz verfügt, sondern zugleich – wie die Psychologie sagt – über ein hohes Maß an Volition, an Umsetzungsstärke.

Und somit nichts anderes tut, als kraftvoll Macht auszuüben.

Von unseren Egos zu unserem Selbst (VIa)

Die Türen auf dem Weg aus unseren Containern heraus.
Vom Streben nach Souveränität:

“Das Streben nach Souveränität wird getrieben durch Erlangen von Herrschaft

– über die innere Welt,
– die äußere Welt,
sowie königlicher Macht über
– die äußere Welt und
– die innere Welt.“

Herrschaft über die „innere Welt“ zu erlangen, heißt, gegen die Kräfte vorzugehen, die uns in dem jetzigen Zustand belassen und die wir gruppieren können in Kräfte gegen unseren Körper, gegen unseren Verstand, gegen unsere Emotionen und gegen unseren Willen.

Die Kräfte, die gegen unseren Körper wirken, sind die, die unser Leben verkürzen, unsere Energien verbrauchen und unsere Sinne einlullen. Drogen, legale oder illegale, fallen in diese Kategorie oder auch kulturelle Gewohnheiten, die z.B. junge Frauen in die Anorexie treiben.

Es geht darum, durch Selbstbeobachtung diese Faktoren zu erkennen, sie abzustellen und stattdessen ein Trainingsprogram durchzuführen, das zu Körperbeherrschung führt. Am besten geeignet sind hier Selbstverteidigungstrainings oder auch Tanz.

Kräfte, die gegen unseren Verstand arbeiten, sind Angewohnheiten des Nicht-Denkens, die wir uns angeeignet haben und die durch die ungeheure Flut von Informationen, der wir durch zahlreiche Medien ausgesetzt sind, nur noch unterstützt werden. Wir lesen Zeitungen, schauen Fern, surfen im Netz und glauben, dass das, was durch uns durch „rauscht“, auch Objekt unseres Denkens sei.
Wir reduzieren unseren Medieninput und setzen fortan auf die Inhalte solcher Medien, die unser Denken herausfordern. Im zweiten Schritt lernen wir etwas Neues, z.B. eine weitere Fremdsprache oder ein Instrument zu spielen und  trainieren  unser Erinnerungsvermögen.

Kräfte gegen unsere Emotionen sind unsere Angewohnheit, Gefühle „als von außen“ angeregt anzusehen. Wir sind gewohnt, zu weinen, zu lachen, in Filmen Ängste zu empfinden, Filme, für deren Besuch wir gutes Geld bezahlen. Aus ökonomischen Gefühlen lassen wir uns „von außen“ zu Gefühlen hinreißen (wie gut wir DAS und den Einfluss von Werbung kennen!).

Der erste Schritt besteht darin, uns das bewusst zu machen. Im nächsten Schritt gehen wir gegen Ängste und Phobien an: steigen z.B. doch mal in den Fahrstuhl und fahren wenigstens bis in die erste Etage, oder gehen gegen unsere Angst vorm Fliegen oder Hunden an.
Ziel ist: Wir folgen nicht länger unseren Emotionen, sondern unsere Emotionen folgen uns.

Kräfte gegen unseren Willen sind unser oftmals blinder Gehorsam bezüglich äußerer Symbole und Signale. Seien es staatliche Organe, seien es kirchliche Organe, seien es alle Normen und Regeln der Art „Das tut man nicht“ oder „Das gehört sich nicht“.

Ein bewusstes Agieren dagegen macht uns Menschen bewusst, in welchen Korsetten wir uns eigentlich befinden und führt zu einer kritischeren Haltung gegenüber „blindem Gehorsam“.
Im Grunde genommen handelt es sich hierbei um eine nur unterschiedlich formulierte Aufforderung, NEIN sagen zu lernen. Nicht immer norm-konform zu handeln ist deutlich etwas anderes, als illegal zu handeln; dies nur als Hinweis.

„Herrschaft über die innere Welt“ heißt: Was man tut, ist Realität und „macht Sinn“.

Wir alle kennen dieses Gefühl von innerer Stärke, dieses Gefühl, „am Leben zu sein“ und dass unsere Welt eine sinnvolle Welt ist.
Es sind rare Momente und oftmals schreiben wir sie äußeren Einflüssen zu, vielleicht sogar mystischen oder göttlichen Quellen.

Wenn wir entdecken, dass wir diese Momente durch unseren eigenen Willen haben können, haben wir mit der „Herrschaft über unsere innere Welt“ begonnen.

Der Name für diese Aufgabe ist: Das Streben nach Bedeutung, nach Sinn.

Fällt Ihnen auf, dass wir hier die Aufforderung „Raus aus der Komfortzone“ „nur“ in anderer Formulierung vorliegen haben?

Wir beherrschen unsere „innere Welt“ dann, wenn wir lernen, diejenigen Kräfte zu beherrschen, die uns immer wieder zurück in unsere Komfortzone treiben.
Und – so wie hier – ganzheitlich betrachtet, arbeiten diese Kräfte gegen unsere Emotionen, gegen unseren Körper, gegen unseren Verstand und unseren Willen.